Eine Hand voll Fragen an… Physiotherapeutin Carina Strüver!

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 Kurzprofil

Alter: 26 Jahre
Ausbildungsgang in Kürze: 2005-2008: Ausbildung zur staatlich anerkannten Physiotherapeutin an der Physiotherapieschule Katholisches Klinikum Marienhof / Sankt Josef in Koblenz

2010-2011: Bachelorstudium (Bachelor of Physiotherapy) an der Hogeschool Zuyd in Heerlen (Niederlande), Bachelorarbeit zum Thema „Richtig messen – nichts mehr vergessen“

Derzeitige berufliche Tätigkeit: Anstellung in einer Physiotherapiepraxis in Bad Honnef & Dozentin an der Hogeschool Zuyd und der Katholischen Hochschule Mainz

Fortbildungen: Manuelle Therapie, Manuelle Lymphdrainage, Krankengymnastik am Gerät (KGG), Kinesio-Taping, Faszien Distorsions Modell (FDM), Gyrotonic Expansion System®, Gyrokinesis® (in Ausbildung), im Rahmen interner Fortbildungen: CMD, Therapeutisches Klettern.

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Physiotherapeutin Carina Strüver (Foto: privat)

 Das Interview 

Frage 1: Wie bist Du auf die Idee gekommen, die Physiotherapieausbildung zu absolvieren?

Carina Strüver: Als Patientin hatte ich schon vor Ausbildungsbeginn Kontakt zur Physiotherapie. In dieser Zeit habe ich verschiedene Physiotherapiepraxen kennengelernt und letztlich eine Praxis schätzen gelernt. Die physiotherapeutische Behandlung dort hat mir, außer dem gewünschten Behandlungserfolg, so viel Spaß gemacht, dass ich mir durch diese Erfahrungen eine solche Tätigkeit für meine berufliche Zukunft sehr gut vorstellen konnte.

So bin ich also über die eigene Patientengeschichte zu meinem Beruf gekommen. Diese Idee war bis zum Abitur immer präsent, insbesondere weil ich immer auch sportlich aktiv war und daher oftmals mit Physiotherapie und physiotherapeutischer Betreuung in Verbindung kam. Nach langen Gesprächen mit Freunden und meiner Familie habe ich mich dann an verschiedenen Physiotherapieschulen beworben. Mein Vorstellungsgespräch an der Physiotherapieschule in Koblenz war schon ziemlich fordernd, aber die Zusage kam bereits nach einer Woche und dann war für mich klar: „Es gibt nichts anders als Physiotherapie!“

Frage 2: Du hast zuerst die Berufsausbildung zur staatlich anerkannten Physiotherapeutin absolviert und Dich dann nach zwei Jahren Berufserfahrung für das berufsbegleitende Bachelorstudium in den Niederlanden entschieden. Wie kam es dazu?

quadratlatsche-farbig_005Carina Strüver: Ich behaupte jetzt mal von mir, dass ich noch relativ jung und immer bestrebt bin, meine beruflichen Kompetenzen zu erweitern. Nach der Ausbildung findet man sich ja erst einmal in den Arbeitsalltag ein, macht verschiedene Fortbildungen, versucht die Techniken dann auch an der Bank anzuwenden.

Über die Zeit entstand der Wunsch, das erlangte Wissen auch im Rahmen einer Dozententätigkeit an andere weiterzugeben und somit eine Zweiteilung meines beruflichen Alltags zu erreichen. Um dies verwirklichen zu können, entschied ich mich für ein Bachelorstudium, das neben der Wissenschaft auch den Bereich der Pädagogik abdeckte. Ich hatte das Glück, dass eine gute Freundin von mir zu diesem Zeitpunkt die gleichen Gedanken hatte. Wir haben uns dann lange mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auseinandergesetzt, neben den Fortbildungen relevantes Wissen zu erhalten. Auf diesem Weg sind wir dann auf das Bachelorstudium der Physiotherapie in Heerlen gestoßen.

Wir hatten viel im Internet gesucht und dort gut klingende Angebote gefunden. Mir war es vor allem wichtig, neben dem Studium weiterhin in der Praxis tätig zu sein. Für mich kam daher nur ein berufsbegleitendes Studium in Frage, weil mir als Berufsanfängerin die praktische Tätigkeit wichtig erschien. Man lernt unheimlich viel im Umgang mit den Patienten, die z.B. zwar die gleiche Diagnose auf dem Rezept stehen haben, aber unterschiedliche Symptomatiken zeigen. In meiner Situation war die Mischung aus Praxis und Studium optimal. Für mich war diese zeitliche Abfolge sinnvoll, weil ich so erst einmal die Menge an Informationen, die ich während der Ausbildung erhalten hatte, ordnen, meine eigene Routine finden und meinen persönlichen Praxisalltag gestalten konnte.

Frage 3: Welche Vor- und Nachteile siehst Du in einem Vollzeitstudium der Physiotherapie?

Carina Strüver: Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, dass ein Studium insgesamt für die Physiotherapie Vorteile hat, um ihren Mehrwert zu verdeutlichen und die Tätigkeiten der Physiotherapeuten wissenschaftlich zu belegen. Es fällt beispielsweise auf, welche langjährigen und etablierten Therapieansätze bei verschiedenen Untersuchungen ein nicht so gutes Resultat ergeben und daher mindestens zu überdenken sind, um Therapien zu verbessern oder weiterzuentwickeln.

Die Akademisierung der Physiotherapie gibt der Physiotherapie an sich einen ganz anderen Stellenwert. Mit Hilfe des Studiums sollte man in der Lage sein, verschiedene Situationen zu analysieren, zu reflektieren, ein Resultat zu erarbeiten und mit diesem dann weiterzuarbeiten. Für die Physiotherapie wäre das eine Möglichkeit, interdisziplinär mit den Ärzten, den Krankenkassen und mit den Kollegen untereinander viel besser kommunizieren zu können und somit eine effizientere Patientenversorgung zu gewährleisten.

Ich denke, dass die deutsche Ausbildung an einer Berufsfachschule für Physiotherapie gar nicht so schlecht ist. In Deutschland müssen wir uns mit dem während der Ausbildung erworbenen Wissen und den praktischen Kenntnissen auf dem europäischen Markt überhaupt nicht verstecken. Ich kann mir eine Kooperation der aktuell bestehenden Physiotherapieschulen mit Hochschulen gut vorstellen, beispielsweise in Form eines eigenständigen Studiengangs, der die Auszubildenden auf einem hohen Niveau in Theorie und Praxis qualifiziert. Das wäre meiner Meinung nach eine optimale Lösung.

Die Inhalte, die ich in der Physiotherapieschule gelernt habe, bilden einen ganz erheblichen Teil meines physiotherapeutischen Wissensschatzes. Der Vorteil eines Vollzeitstudiums ist, dass die Studenten direkt von Anfang an lernen, selbstständig zu arbeiten und ihre Arbeit zu reflektieren. Selbstverständlich gibt es auch Schulen, die das eigenverantwortliche Arbeiten fördern, aber innerhalb eines Studiums liegt die Verantwortung wirklich beim Studenten selbst.

Frage 4: Welche Eigenschaften muss ein „guter“ Physiotherapeut Deiner Meinung nach besitzen oder sich im Laufe seines Berufslebens erarbeiten? Warum?

quadratlatsche-farbig_005Carina Strüver: Über die Frage nach den erforderlichen Kompetenzen eines Physiotherapeuten wurde schon viel geschrieben. Es existiert ja auch ein Berufsprofil zu unseren Berufskompetenzen. Meiner Meinung nach ist es für uns Physiotherapeuten unheimlich wichtig, neugierig zu bleiben und nicht nach ein paar Jahren in seine Muster zu verfallen und permanent ein Standardprogramm in der Behandlung durchlaufen zu lassen. Ich finde, dass dies die Abwechslung ist, die eben auch den Spaß an der Arbeit ausmacht.

Wie ich eben schon gesagt habe: Patienten kommen mit der gleichen oder einer globalen Diagnose. Das spezifische Patientenproblem ist dadurch jedoch noch nicht zu erkennen. Es stellen sich dann Fragen wie: „Wie kann ich dem Patienten konkret helfen, damit er weniger Probleme bzw. Schmerzen im Alltag hat?“ oder „Welches individuell auf den Alltag des Patienten abgestimmte Programm können wir zusammen gestalten?“ Diese Neugierde, dieses Suchen und Forschen sind für mich sehr wichtig.

Ich denke, dass es der falsche Weg ist, unseren praktischen Beruf einfach durch ein ausschließliches Studium zu theoretisieren und zu verwissenschaftlichen. Es geht darum, die Wissenschaft in die Praxis zu integrieren, d.h. die wissenschaftlichen Ergebnisse in der Praxis umzusetzen, damit die Patienten davon profitieren. Dieser Transfer bereitet zwar viel Arbeit, aber dadurch können wir unsere Arbeit auch noch einmal aufwerten. Diese Neugierde steht selbstverständlich neben der fachlichen Kompetenz. Das fachliche Wissen muss vorhanden sein, gar keine Frage! Aber die Motivation, neugierig nach Möglichkeiten zu suchen und sie zu finden, steht meiner Meinung nach über allem. Meine persönliche Motivation erhalte ich während der Arbeit mit den Patienten und in Gesprächen mit Studenten, Kollegen und Freunden, die sich noch in der Ausbildung befinden. Gerade kontroverse Diskussionen lassen mich über meinen eigenen Standpunkt nachdenken und bringen Fortschritte bezüglich meiner bisherigen Arbeitsweise.

Frage 5: Letzte Frage: Was wünschst Du Dir für die Zukunft der Physiotherapie in Deutschland?

Carina Strüver: Ich wünsche mir mehr Anerkennung für die Arbeit der Physiotherapeuten, d.h. beispielsweise dass die konservativen Methoden eine gleichberechtigte Beachtung finden, bevor voreilig operiert wird. Wie gesagt, wünsche ich mir, dass wir Physiotherapeuten neugierig bleiben, nicht nur auf der fachlichen Ebene, sondern auch auf einer persönlichen Ebene. So sieht man nicht nur das Beschwerdebild, sondern auch den Patienten an sich und was dahinter steht, um ihm funktionell in seinem Alltag Besserung zu ermöglichen.

Ich wünsche mir, dass der Mehrwert der Physiotherapie nicht nur durch Ärzte erkannt wird, sondern auch von den Patienten selbst. Ich finde es wichtig, die Kommunikation mit dem Patienten zu suchen, um mit ihm zusammen sein Ziel für die Therapie zu besprechen und zu erarbeiten. Darüber hinaus könnten wir in der gemeinsamen interdisziplinären Abstimmung mit unseren Kollegen u.a. auch mit der bereits genannten Akademisierung für die Professionalisierung der Physiotherapie sorgen.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

[Kathrin Rosi Würtz, 2013]
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